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Jahresbericht
2017
Menschenrechte im Alter

SKMR schafft Bewusstsein für die Grund- und Menschenrechte älterer Menschen

Grund- und Menschenrechte gelten für alle gleich. In der Praxis sind aber ältere Menschen in verschiedenen Lebensbereichen wie Gesundheit, Arbeit oder Wohnen mit Herausforderungen bei der Verwirklichung dieser Rechte konfrontiert. Benachteiligungen und Beeinträchtigungen von Älteren sind eine Realität – auch in der Schweiz.

In den vergangenen Jahren sind auf internationaler Ebene vermehrt die Menschenrechte von älteren Menschen diskutiert worden. 2010 errichtete die UNO die Open-Ended Working Group on Ageing und schuf vier Jahre später das Mandat der Unabhängigen Expertin für Menschenrechte Älterer. Auch der Europarat griff das Thema auf und verabschiedete 2014 eine Empfehlung an seine Mitgliedstaaten zur Förderung der Menschenrechte Älterer. 2017 trat zudem die Interamerikanische Konvention zum Schutz der Menschenrechte Älterer in Kraft.

Die Relevanz der Grund- und Menschenrechte für die Situation älterer Menschen lässt sich anhand von verschiedenen Beispielen aus unterschiedlichen Lebensbereichen aufzeigen: So garantiert beispielsweise das Recht auf Privatsphäre den Anspruch auf Achtung des Privatlebens auch in einem Alters- oder Pflegeheim und erfasst damit unter anderem die Zimmer der älteren Bewohnerinnen und Bewohner. Das Recht auf Leben, das Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit und das Verbot der Folter und der grausamen, unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung verpflichten den Staat unter anderem, Massnahmen gegen Gewalt oder Vernachlässigung älterer Menschen sowohl in Pflegeinstitutionen als auch im häuslichen Bereich zu ergreifen. Ein weiteres Beispiel für die Relevanz der Grund- und Menschenrechte für ältere Menschen ist das in der Bundesverfassung garantierte Recht auf Selbstbestimmung. Es gibt älteren Menschen zum Beispiel das Recht, frei über ihre Wohn- und Lebenssituation und die Art einer allenfalls notwendigen Betreuung entscheiden zu dürfen. Zum Recht auf Selbstbestimmung gehört auch das Recht auf einen selbstbestimmten Tod.

Interview mit
Christina Zweifel
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Christina Zweifel leitet die Fachstelle Alter und Familie des Kantons Aargau. Laut Zweifel wird die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft der älteren Generation von heute unterschätzt. Zudem seien Seniorinnen und Senioren mit vielen Vorurteilen konfrontiert.

SKMR: Die demografische Entwicklung in der Schweiz führt dazu, dass die Menschen zunehmend älter werden.

Christina Zweifel: Ja, das ist für mich eine der grössten Errungenschaften der Menschheit! Heute können bis zu vier Generationen zusammenleben. Viele Krankheiten, die früher tödlich waren, sind heute heilbar. Dabei werden die Menschen im Durchschnitt nicht nur älter, sondern sie bleiben auch länger gesund. Ausserdem ist man heute nicht länger pflegebedürftig als früher, sondern die Pflegebedürftigkeit beginnt zu einem späteren Zeitpunkt.

Warum nehmen die Kosten für die Pflege der älteren Menschen trotzdem zu?

Einerseits gibt es mehr ältere Menschen, andererseits werden die medizinischen Möglichkeiten zunehmend besser und tendenziell teurer. Im Jahr 2035, also schon sehr bald, wird gemäss Bevölkerungsprognose ein Viertel der Schweizer Bevölkerung älter als 65 Jahre alt sein.

Wann ist ein Mensch alt?

„Alt sind immer diejenigen Personen, die zehn Jahre älter sind als ich“, sagte einmal eine 94-jährige Frau zu mir (lacht). Es ist sicher so, dass der Begriff Alter relativ ist. Je nach Branche ist ein Arbeitnehmer bereits mit 45 Jahren alt, im Profisport ist man es sogar schon mit 30 Jahren. Andererseits gibt es 80-Jährige, die noch Marathon laufen und sich überhaupt nicht alt fühlen. Alt bedeutet auch nicht automatisch pflegebedürftig. Ein Mensch kann mit 80, aber auch bereits mit 40 Jahren auf Pflege angewiesen sein. Im Kanton Aargau wurde die Alterspolitik für die Altersgruppe 60+ definiert. Diese umfasst ganz bewusst unterschiedliche Lebenssituationen.

Auf welche Schwierigkeiten stösst man, wenn man alt ist?

Die Arbeitswelt ist sicher eine der grossen Herausforderungen. Es gibt in diesem Bereich offensichtliche Diskriminierungen, wenn beispielsweise in Stelleninseraten ein Maximalalter gewünscht wird. Die meisten Benachteiligungen am Arbeitsplatz laufen aber schleichend und diskret ab. Auch auf dem Wohnungsmarkt werden ältere Menschen häufig gar nicht erst berücksichtigt, wenn sie sich für eine Wohnung bewerben. Ganz allgemein ist es mit zunehmendem Alter schwieriger, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ältere Menschen sind oft weniger mobil. Zudem sind unsere Rahmenbedingungen nicht auf die Partizipation, also die Teilnahme älterer Bürgerinnen und Bürger am gesellschaftlichen Leben, zugeschnitten.

Ältere Menschen haben also mit vielen Vorurteilen zu kämpfen?

Ja. Oft wird Rentenalter mit Pflegebedürftigkeit gleichgestellt. Dies entspricht überhaupt nicht der Realität. Die ältere Generation wird unterschätzt. Pensionierte im Kanton Aargau leisten pro Jahr etwa zwölf Millionen Stunden Freiwilligenarbeit, Pflegedienste und Kinderbetreuung mitgerechnet.

Pflegedienste?

Es kommt zunehmend vor, dass fitte Pensionierte ihre Eltern, Nachbarn oder Partnerinnen und Partner pflegen, also im Rentenalter sehr viel leisten. Viele pflegebedürftige Menschen können dadurch länger zu Hause wohnen und leben.

Warum tut sich unsere Gesellschaft so schwer mit älteren Menschen?

Ältere Menschen werden zu wenig geachtet für das, was sie alles geleistet haben und nach wie vor leisten. Zudem hält sich das Vorurteil hartnäckig, dass ältere Menschen weniger leistungsfähig seien. Die noch immer verbreitete Ansicht, dass Rentnerinnen und Rentner zum so genannten Alteisen unserer Gesellschaft gehören würden, macht vielen zu schaffen. Zudem wird die Wertschätzung eines Menschen aktuell fast ausschliesslich von dessen wirtschaftlicher Produktivität abhängig gemacht. Die vielen freiwillig geleisteten Stunden für unsere Gesellschaft werden dabei gerne vergessen. Unsere Gesellschaft erlebt die sehr schnell gestiegene Lebenserwartung zum ersten Mal und muss sich zunächst anpassen.

Was tut Ihre Fachstelle für die älteren Menschen?

Das Ziel ist klar: Die älteren Menschen möchten möglichst lange zu Hause sein. Diese ambulante Langzeitversorgung liegt gleichzeitig auch im Interesse der Politik. Wir beraten und unterstützen die Gemeinden im Sinne der Leitsätze zur Alterspolitik im Kanton Aargau und helfen bei deren Umsetzung. Die Alterspolitik ist im Kanton Aargau Sache der Gemeinden und grösstenteils freiwillig. Man muss langfristig und präventiv investieren, damit die älteren Menschen eine gute Lebensqualität haben und die Gesellschaft am Schluss Kosten sparen kann. Hier müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten.

Warum?

Die wenigsten möchten alt sein oder sich mit dem Thema Alter auseinandersetzen. Dies ist auch in den Gemeinden so. Rasch werden die Diskussionen auch persönlich und heikel, wenn es zum Beispiel um Palliative Care geht. Ausserdem unterliegt unsere Gesellschaft gerade einem grundlegenden Wandel, und niemand kann mit Sicherheit sagen, in welche Richtung sie sich entwickeln wird, weil so viele Faktoren mitspielen. Falls die Pharmaindustrie einen Impfstoff oder ein Medikament gegen Demenz entdeckt, ist unsere Planung, etwa für den Bau von Pflegeheimen, die auf aktuellen Zahlen basiert, total falsch.

Christina Zweifel ist Leiterin der Fachstelle Alter und Familie beim Departement Gesundheit und Soziales im Kanton Aargau. (Bild: SKMR)

Grund- und Menschenrechte älterer Personen in der Schweiz

Vor diesem Hintergrund setzt sich das SKMR mit den Grund- und Menschenrechten älterer Personen auseinander. Die Studie „Menschenrechte im Alter“ gibt einen Überblick über die grund- und menschenrechtliche Situation älterer Personen in der Schweiz und identifiziert verschiedene Lebensbereiche, welche für die Verwirklichung ihrer Grund- und Menschenrechte besonders relevant sind. Dabei handelt es sich um Arbeit und Pensionierung, Wohnen und Mobilität, Gesundheit und Pflege sowie die Querschnittsbereiche Gleichbehandlung und Nichtdiskriminierung, Autonomie und Partizipation sowie Gewalt und Vernachlässigung. Das SKMR führte im Rahmen der Studie Expertengespräche mit ausgewählten Akteurinnen und Akteuren der Alterspolitik. Diese dienten unter anderem dazu, einen Eindruck von der aktuellen menschenrechtlichen Situation älterer Personen in der Schweiz und von den Hauptproblemfeldern bei der Verwirklichung ihrer Grund- und Menschenrechte zu gewinnen.

„Am Bewusstsein für die grund- und menschenrechtliche Dimension zahlreicher schwieriger Lebenssituationen älterer Menschen fehlt es weitgehend.“

Die Studie des SKMR zeigt, dass altersspezifische Benachteiligungen von älteren Menschen und Beeinträchtigungen ihrer Grund- und Menschenrechte zwar existieren, aber dass diese von den Betroffenen und den Fachpersonen eher als faktische Schwierigkeiten und nicht als grund- und menschenrechtliche Fragen erfasst und angegangen werden. Am Bewusstsein für die grund- und menschenrechtliche Dimension zahlreicher schwieriger Lebenssituationen älterer Menschen fehlt es weitgehend. Die Studie zeigt weiter auf, dass altersspezifische Beeinträchtigungen von Grund- und Menschenrechten mehrheitlich aufgrund mangelhafter Umsetzung bestehender Garantien und nur vereinzelt wegen einer lückenhaften Gesetzgebung bestehen.

 

Vertiefung durch Schwerpunkte

Das SKMR konzentriert sich seit 2016 auf Schwerpunkte. Diese ermöglichen es, wichtige Themen über längere Zeit hinweg und über die Grenzen der einzelnen Themenbereiche hinaus zu behandeln.

Grundrechtskatalog für ältere Menschen

Die grund- und menschenrechtliche Perspektive auf die alltäglichen Herausforderungen älterer Menschen kann zu neuen Lösungsansätzen führen und der Diskussion rund um die verschiedenen Spannungsfelder, mit denen sich ältere Menschen und die Personen in ihrem Umfeld konfrontiert sehen, eine neue Dynamik geben. Aus diesem Grund ist das SKMR bestrebt, die Ergebnisse aus der Studie für die Praxis aufzubereiten und Betroffene sowie Fachpersonen für die grund- und menschenrechtliche Dimension alltäglicher Situationen älterer Menschen zu sensibilisieren.

Das SKMR hat deshalb im Jahr 2017 die Broschüre „Gleiche Rechte im Alter – Ein Grundrechtskatalog für ältere Menschen in der Schweiz“ erarbeitet. Der Grundrechtskatalog zeigt auf, welche Grund- und Menschenrechte in für ältere Menschen typischen Alltagssituationen anwendbar sind. Er gibt einen praxisnahen Überblick über die Rechtsgrundlagen und erläutert diese in einer für ein breiteres Publikum verständlichen Sprache. Zudem wird der Schutzbereich der jeweiligen Grund- und Menschenrechte anhand von Fallbeispielen verdeutlicht.

Weiterbildungsangebote und Praxisleitfaden

Für 2018 plant das SKMR weitere Projekte, mit denen die Erkenntnisse der Studie für die Praxis aufbereitet werden sollen. So ist zum einen ein Weiterbildungsangebot für Fachpersonen geplant. Zum anderen erarbeitet das SKMR mit Unterstützung der Hirschmann-Stiftung einen Praxisleitfaden. Ziel des Leitfadens ist es, dass Betroffene und Fachpersonen Grundrechtsbeeinträchtigungen im Alltag älterer Menschen besser erkennen und angemessen darauf reagieren können.

Abendveranstaltung „Arbeit – Alter – Menschenrechte“ vom 7. Dezember 2017. (Bild: Tanya Kottler)

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